Arnsberg. Sie hießen Xaver, Lothar, Andrea und Wiebke, aber kein Sturm hat Deutschland so durcheinandergewirbelt wie das Orkantief Kyrill, das im Januar 2007 über den Kontinent hinwegbrauste und innerhalb weniger Stunden unzählige Wälder in eine Streichholzlandschaft verwandelte. Für die Feuerwehren herrschte Ausnahmezustand. Von Voßwinkel bis Oeventrop waren die Wehrleute im Dauereinsatz, oft mussten sich die Helfer auf die notwendigsten Maßnahmen beschränken. Die Gefahr, selbst Opfer des Orkans zu werden, war zu groß. Hier die Berichte von einigen Arnsberger Feuerwehmännern, die im Gespräch mit unserer Zeitung ihre Erlebnisse in dieser Sturmnacht erzählen. 

 

Jörg Rüger war in der Kyrill-Nacht Einsatzleiter der Löschgruppe Wennigloh und nahm die Unwetterwarnung zunächst gelassen: „Hier oben im Dorf sind wir Stürme gewohnt, also erstmal abwarten was da wirklich kommt“. Der erste Alarm erreichte die Feuerwehrleute an diesem Tag kurz nach 18.00 Uhr. Wennigloh besitzt drei Zufahrtsstraßen und nach gesetzlichen Vorschriften muss mindestens ein Rettungsweg freigehalten werden. Da zu diesem Zeitpunkt bereits alle Straßen mit umgestürzten Bäumen blockiert waren, habe man sich entschieden, zuerst in Richtung Arnsberg zu fahren. Jörg Rüger erinnert sich: „Besonders im Seufzertal war die Lage brisant da wir unterhalb einer Hanglage arbeiten mussten. Wir leuchteten den Hang mit Scheinwerfern aus und konnten so zumindest erahnen in welche Richtung die Bäume fielen. Das war nicht ungefährlich und die Stimmung bei der Mannschaft war äußerst angespannt, auch bei mir, der die Verantwortung für eine ganze Gruppe hatte. Auf der Straße nach Müschede lagen so viele Bäume, dass die Feuerwehr dort nur absperren konnte. Die Aufräumarbeiten oberhalb des Steinbruchs haben dann über eine Woche gedauert“. Auch das Elternhaus von Jörg Rüger wurde vom Sturm nicht verschont, vier Tannen schlugen an den First des Daches und zerstörten dabei mehrere Fensterscheiben. Dass er selbst betroffen war, habe er allerdings in dieser Nacht verdrängt, erzählt der heutige Hauptbrandmeister. Beängstigend sei bei den Kyrill-Einsätzen das plötzliche Knacken der Baumstämme gewesen - „Dieses Geräusch ist mir heute noch in Erinnerung“. Nach sieben Stunden war der Einsatz rund um Wennigloh beendet, glücklicherweise ohne Schaden an Mensch und Fahrzeug.

 

Dieses Glück hatten die Wehrleute aus Holzen nicht, denn ein Baum krachte direkt vor das Löschfahrzeug und demolierte das Fahrerhaus. Einen dreifachen Schutzengel hatte dabei Michael Dolle von der örtlichen Löschgruppe. Hier seine Geschichte von 100 Zentimetern, die über Leben und Tod entschieden: „Meine Frau rief mich am frühen Nachmittag an, dass der Strom kurz ausgefallen sei. Der Sturm legte dann immer mehr zu und auf der Strecke von Mimberge nach Möhringen lagen die Bäume schon kreuz und quer auf der Straße. Ein Autofahrer wollte noch unbedingt nach Holzen, weil sein Enkelkind Geburtstag hatte, ein anderer wollte über die Dörfer zur Autobahn; ich habe ihm geraten in Eisborn ein Zimmer zu nehmen“. Dann kam der Einsatz, den Michael Dolle wohl nie in seinem Leben vergessen wird: „Wir wurden Richtung Oelinghauser Heide alarmiert, wo oberhalb der Schützenhalle einige Bäume die Straße blockierten. Ich war als Maschinist auf dem Magirus-Löschfahrzeug LF 16 eingeteilt. Am Einsatzort angekommen, stellte ich das LF ab und wollte aussteigen als ein Kamerad meinte, ich solle noch einen Meter zurückfahren, was ich auch tat. Eigentlich wollte ich dann nach vorne gehen und helfen, die gesägten Baumstücke von der Straße zu ziehen, aber dazu kam es nicht mehr. Ein großer Baum fiel in diesem Moment direkt vor das Löschfahrzeug. Einige Äste demolierten dabei das Fahrerhaus erheblich“. Der Einsatz ist nach diesem gefährlichen Erlebnis sofort abgebrochen worden. Zurück zum Holzener Gerätehaus ging es nicht ohne Probleme, denn dicke Baumstämme blockierten die Straßen. „Wir sind dann bei Rossi (Drees Ferdi) rein und über Mimberge nach Holzen gefahren“, sagt Michael Dolle, der in dieser Nacht mehrere Schutzheilige hatte.

 

Im Bereich Arnsberg waren die Straße nach Breitenbruch und der Ochsenkopf die beiden Haupteinsatzgebiete. Stefan Beule vom Löschzug Arnsberg hatte im Vorfeld die Warnungen der Wetterdienste gehört, aber das sei in dieser Jahreszeit ja nichts Ungewöhnliches gewesen, erinnert sich der heutige Basislöschzugführer an die Geschehnisse vor zehn Jahren: „Meine erste Einsatzfahrt, ich war als Gruppenführer auf einem Löschgruppenfahrzeug eingeteilt, ging mit weiteren acht Kameraden Richtung Ochsenkopf. Der Wald rechts und links der Straße sah aus, als hätte jemand überdimensionale Mikado-Stäbe kreuz und quer aufgetürmt“. Der Sturm wütete umso mehr, je weiter wir Richtung Sundern fuhren. Im Interesse der Eigensicherung sind wir nicht weiter in das Waldgebiet hineingefahren sondern haben in Absprache mit der Polizei die Straße außerhalb des Gefahrenbereichs komplett abgesperrt. Nach Rückankunft am Bereitstellungsplatz kam dann schon der nächste Alarm“. Dann sei es Schlag auf Schlag bis zum nächsten Tag gegangen, ein Einsatz folgte dem anderen. Stefan Beule war  bis zum kommenden Tag im Einsatz und sagt heute: „Auch Jahre später noch und vermutlich auch in Zukunft werden Unwetter immer noch an Kyrill gemessen“. Dieser Orkan habe bei der Feuerwehr einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen.

 

Im Neheimer Raum war das Waldgebiet „Zu den drei Bänken“ ein Einsatzschwerpunkt. Hier war Patrick Robel vom Löschzug Neheim eingesetzt und berichtet von seinen Erlebnissen in dieser Sturmnacht: „Ich war gerade von der Arbeit gekommen, da piepte der Alarmempfänger. Es folgte dann ein Einsatz nach dem anderen, zwischendurch nach Hause zu gehen war nicht mehr drin“. Eine große Herausforderung für die Feuerwehr sei die Straße zum Dorint-Hotel gewesen, denn das Hotel musste im Notfall mit Einsatzmitteln erreichbar sein. „Wir haben die Straße zunächst zu Fuß kontrolliert, überall auf der Strecke lagen umgestürzte Bäume. Zu unserer eigenen Sicherheit leuchteten wir mit Taschenlampen in die Baumkronen um die Lage besser einschätzen zu können. Plötzlich kam eine heftige Windböe und ein Baum fiel direkt vor uns auf die Fahrbahn“. Der „Spähtrupp“ nahm dann schnell den Rückzug Richtung Löschfahrzeug vor, denn die Lage sei zu gefährlich gewesen. „Als wir die Straße freigesägt hatten kam schon der nächste Auftrag“, erzählt Patrick Robel, aber „die meisten Einsatzstellen konnten wir nur sichern“. Die Orkannacht im Januar 2007 wird Robel aber immer im Gedächtnis bleiben: „Hier hatte man schon richtigen Respekt vor der Natur“.

 

Der Tag, an dem Kyrill übers Land fegte, begann für Benjamin Hugo wie ein normaler Arbeitstag. Der damals 22-Jährige vom Löschzug Bruchhausen hatte erst wenige Tage zuvor seine Ausbildung als Berufsfeuerwehrmann bei der Stadt Arnsberg begonnen. „Nach der Wachübergabe haben wir die Fahrzeuge gecheckt, besonderes Augenmerk legten wir aufgrund der Vorwarnungen auf die Motorsägen. Kurz nach dem Frühstück kam der erste Alarm. In Herdringen war eine 13 Meter hohe Tanne aus einem Vorgarten auf die Straße gestürzt“, erinnert sich Benjamin Hugo an den Beginn des Chaos-Tages. Über Funk habe man dann schon die Alarmierungen der weiteren Einheiten gehört. Aber es waren nicht nur Bäume, die große Schäden anrichteten. „Auf der Stembergstraße wurde ein komplettes Flachdach eines großen Gebäudes abgedeckt und schleuderte im Innenhof auf mehrere Autos. Auf der Jahnallee lag ein mächtiger Baum auf den Gleisen. Zum Glück konnte der Lokführer den Zug rechtzeitig zum Stehen bringen.“ Der Ortsteil Holzen sei komplett von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Hier habe man aufgrund der Gefahr für die Wehrleute nur noch abgesperrt. Dramatisch sei es auf der Landstraße Richtung Ense zugegangen. „Dort war in einem Waldgebiet ein Bus von umgefallenen Bäumen eingesperrt. Alle Insassen hatten den Bus verlassen und liefen uns entgegen. Wir entschieden uns, nicht zu dem Bus vorzudringen, was die richtige Entscheidung war. Denn es stürzten wenige Minuten später mehrere Bäume auf die Fahrbahn und begruben den Bus unter sich“. Die Wache, erzählt Benjamin Hugo, habe man in dieser 24-Stunden-Schicht nur kurze Zeit von innen gesehen.

 

Einen 24-Stunden-Dienst absolvierte auch der heutige Leiter der Arnsberger Feuerwehr Bernd Löhr, der als Mitglied der Einsatzleitung die Koordination der Ereignisse organisierte: „Ich hatte als damals noch stellvertretender Wehrführer am 18. Januar 2007 ab 16 Uhr Bereitschaft für den Einsatzführungsdienst und wurde eine Stunde später alarmiert. Die gesamten Einsätze wurden im Laufe des Abends unter der Leitung von Wehrführer Peter Glaremin vom Feuerwehrgerätehaus in Arnsberg koordiniert. Es waren hierbei alle 14 Feuerwehreinheiten mit fast allen Fahrzeugen und mehreren einhundert Kräften im Einsatz“. Eine dramatische Meldung habe in den Abendstunden die Einsatzleitung erreicht, wonach ein Bus auf dem „Totenberg“ in Neheim von einem Baum getroffen sein sollte. „Es lagen uns keinerlei weitere Informationen vor, so dass wir von einer erheblichen Anzahl von Verletzten ausgehen mussten. Dies bestätigte sich glücklicherweise nicht, keiner der Fahrgäste hatte Schaden genommen“. Neben den vielen Einsätzen habe die Freihaltung der Zufahrtstraßen für den Rettungsdienst oberste Priorität gehabt, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, berichtet Bernd Löhr weiter. „Es war neben den Starkregen-Ereignissen im gleichen Jahr einer der personalintensivsten Einsätze der jüngeren Geschichte der Feuerwehr der Stadt Arnsberg. Erschwerend sei hinzugekommen, dass fast alle Landesteile betroffen waren und hierdurch eine Ablösung der Kräfte schwer möglich war: „Es galt in diesen Tagen die Devise: Durchhalten bis zum Einsatzende!“, sagt Wehrführer Bernd Löhr mit ein wenig Stolz. Und das mit Recht.

 

Von Wolfgang Becker

(Quelle WP Arnsberg)